Jürgen Berndt

Jürgen Berndt
Das Werk

 

Der Mensch war Ausgangspunkt im künstlerischen Werk von Jürgen Berndt. Menschlich sein, soziale Kontakte pflegen und politisches Engagement zeigen, Gespräche mit Freunden, der Familie und Kollegen führen - dies alles war Jürgen Berndt wichtig.

Zu Beginn seiner künstlerischen Karriere war der Mensch das zentrale Thema seines zunächst figürlichen Schaffens wie "Venus II" von 1952 oder "Gaia" aus dem Jahr 1956 zeigen, archaisch-matriachale Muttergestalten. Da Materialien des Bildhauers waren in dieser Zeit klassisch: Bronze und Gips. Die Malerei war für den Künstler oft nur Vorbereitung zu seinen Plastiken, sie diente ihm mehr zu Klärung skulpturaler Ideen denn als eigenständige Kunstform. Durch Reduzierung und Umformung der ursprünglich figürlichen Massen, gelangte Jürgen Berndt zu Beginn der sechziger Jahre zu freiem Umgang mit Volumen und Materialien. Über einen radikalen Materialwechsel vom Bronzeguß hin zu Kunststoff und Stahl kommt der Künstler zu einer völlig veränderten Syntax. Seine Plastiken werden abstrakt.

Die Wandlung in Berndts Werk vollzieht sich parallel zu den Veränderungen in der internationalen Kunstszene. Da sich junge Künstler auf dem Kunstmarkt auch damals nur schwer durchsetzen konnten, arbeitet Berndt als Designer in der Industrie und lernt dort die unterschiedlichsten Materialien kennen. Seine praktisch-kreativ gewonnenen Erfahrungen fließen in seine künstlerische Arbeit ein.

Zwei Menschen waren es, die Jürgen Berndt als Mensch und Künstler nachhaltig beeinflußt und geprägt haben: der Armenpriester Abbé Pierre im Paris der fünfziger Jahre und Otto Piene, der Mitbegründer der Düsseldorfer Künstlergruppe Zero.

Für den Künstler Jürgen Berndt war nie der Stil oder die Zugehörigkeit zu einer Kunstrichtung wichtig, sondern die menschliche Haltung, die Identitätssuche und -findung, die Emotion und "das Echte". Er wollte keinen Schnickschnack, sondern Probleme griffig machen. Er war ein emotionaler Künstler, der seine Gefühle auch in seine Arbeit einbrachte und ganz bewußt an Emotionen appellierte. Und als politischer Mensch reagierte er sensibel auf gesellschaftspolitische Veränderungen. Berndts Interesse galt dem Prozessualen und Zeitlichen in seinem Werk, dies ist vor allem erkennbar in seinen Aktionen und Projekten zwischen Malerei, Plastik und Performance seit Beginn der siebziger Jahre. Seine Arbeiten vermitteln stets etwas Fragmentarisches und signalisieren einen fortwährenden Arbeitsprozeß, der Zusammensetzungen, Konstellationen, Reduktionen oder Substraktionen deutlich macht, so zum Beispiel bei der Aktion "Blau in den Nebel spritzen" von 1973. Dabei hat der Künstler große Installationen und Aktionen immer sehr sorgfältig mit Modellen, Malerei, Zeichnungen und Texten vorbereitet.

Jürgen Berndt dachte den Zusammenhang von Plastik, Linie, Bewegung und Raum neu. Für den Plastiker war die Linie älter als das Wort, er nahm in seinen Arbeiten den Dialog auf mit den archetypischen Zeichen der Gegenwart und der Vergangenheit. Seine Linienskulpturen wie "Der Kampf mit der Linie" (1979), "Erdung" oder "Füllungen" bringen über raumgreifende geschwungene oder mit Pigmenten gefüllte PVC-Schläuche den gesamten Umraum zum Schwingen. Seine Plastiken sind wie eine Materialisierung von Energiefeldern. Die Farbe Blau im Sinne des Signalhaften unterstützt die raumgreifende Bedeutung. Die mit blauen Pigmenten gefüllten PVC-Schläuche stehen dabei für Natur, Freiheit und eine positive Einstellung zum Leben. In seinen Arbeiten hat der Künstler stets Veränderungsmöglichkeiten einbezogen, einerseits durch bewegliche Teile wie Rohre, Stäbe oder Schläuche, und andererseits durch die wechselnden Standorte des Publikums. Berndts Raumskulpturen verlangen das Ausmessen, das Ab- und Durchschreiten durch das Auge des Interessenten aus verschiedenen Ansichten. Obwohl seine Plastiken statisch sind, verändert sich der Raum mit den Bewegungen des Betrachters.

Die Kritik an ungebremsten Fortschrittsglauben und die Kritik an einer technikverliebten Gesellschaft ohne soziales Verantwortungsbewußtsein bestimmte Jürgen Berndts Spätwerk ab den neunziger Jahren, wie seine Installationen "Der Abschied des Himmels" und "Erde Adieu" zeigen. In dieser zeit widmete er sich wieder verstärkt der Zeichnung und Radierung sowie seinen schriftlichen Arbeiten zu.

Kunst soll "ein Werkzeug sein, um die Welt kennenzulernen", um sich "mit der Realität auseinanderzusetzen". In diesem Sinne war Jürgen Berndt ein Künstler mit politischem und gesellschaftskritischem Engagement, bei dem stets die Humanität im Vordergrund stand. Ein sensibler Seismograph seiner Zeit.

Jürgen Berndt verstarb im Herbst 2002 kurz vor Fertigstellung seines Kataloges, den er noch durchgesehen und freigegeben hat.

 

 

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